Evangelische Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden © Evangelische Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden 2020
Liebe Gemeinde, lang, lang ist‘s her. Hat Johannes uns Heutigen noch was zu sagen? In Voerde, in Walsum, im ganzen Kirchenkreis? Die strenge Trennung, das klare Gegenüber, der tiefe Graben zwischen Welt und Gemeinde, wie verträgt sich das mit dem Missionsbefehl, wie mit der Übernahme von Verantwortung für eben diese Welt, wie mit allem Engagement und vielen den freundlichen Versuchen, eine Kirche mit offenen Türen und einladenden Gemeinden zu sein? Jesus redet im Johannesevangelium von einem Geist, der nicht beflügelt, fasziniert, in selige Ekstasen führt und Menschen wunderbare Werke tun lässt. Sondern von einem, der der Welt die Augen öffnen wird über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht. Das klingt nicht gerade kirchentagsaffin, wo wir uns bunt und fröhlich-friedlich präsentieren, verständnisvoll und freundlich gegenüber jedermann und jederfrau. Und es entspricht nicht unbedingt dem guten Verhältnis zwischen Kirchen- und Bürgergemeinde hier in Voerde, in dem Christen weder Feindschaft noch Verfolgung ausgesetzt sind wie anderswo auf dem Erdball, und niemand um sein Leben fürchten muss, wenn er die Sache Jesu auf seine Fahnen schreibt. Lang, lang ists her. Also doch lieber bis zum Lukas weiter blättern und uns am pfingstlichen Jerusalem erfreuen? Ich widersteh der Versuchung und lege Euch diesen Text ans Herz. Wenn Jesus dieses deutliche Gegenüber von Welt und Jüngerschaft herausstreicht, dann tut er das ganz sicher nicht, um sich aus der Verantwortung für den Nächsten zu stehlen. Oder einer Kirche das Wort zu reden, die sich hinter dicken Mauern versteckt und im Schatten des eigenen Kirchturms gemütlich einrichtet. Seine Abschiedsworte sind kein Plädoyer für einen Rückzug aus der Welt. Weltfremdheit in Jesu Sprachgebrauch steht weder für eine Sichtweise von gestern noch eine sektiererische Verweigerungshaltung. Seine Abgrenzung zu einer Welt, die ihn nicht versteht und ihm nicht folgt, stellt uns die Frage, wem wir im Leben und Sterben zu gehorchen haben, wem vertraut werden kann und wem unsere Liebe gehört. In summa: wo gehörst Du hin, auf welcher Seite stehst Du? Die Antwort lautet schlicht und einfach: Leben und Seligkeit hängen nicht an dem, was Dir die Welt bietet. Ihr Urteil entscheidet nicht über Deinen Wert und Deine Würde. Und der Besitz ihrer Schätze garantiert nicht das Glück. Wir sind Gast auf Erden. Ein Gast auf Zeit. Alles auf ihr hat seine Zeit hat, ist begrenzt und endlich ist, der Vergänglichkeit und damit einem permanenten Wandel unterworfen. Wo nichts bleibt, wie es ist, ist wenig, was Bleibe bietet. Jesus redet Klartext: seine Heimat ist woanders, sein Reich ist nicht von dieser Welt. Wir sollten uns gelegentlich daran erinnern lassen, dass das griechische Wort für Kirche –ecclesia- die Gemeinschaft der Herausgerufenen bezeichnet. Und dass es fatal ist, die Unterschiede zwischen Vorläufigem und Endgültigem, Irdischem und Himmlischem, zwischen Vorletztem und Letztem zu verwischen. In diesem Sinn wünsche ich mir und uns allen Mut zur Weltfremdheit, zur deutlichen Ansage: das wars‘ noch nicht. Wünsche ich, weil erst diese Distanz uns den Rücken frei hält und die Hände stärkt, das Not- Wendende zu tun. Ebenso wenig, wie es damit gedient ist, sich angewidert von der Welt abzuwenden, ist ihr geholfen, wenn wir uns mit ihr bis zur Unkenntlichkeit gemein machen. Vielleicht liegts ja daran, dass ich alt werde. Aber ich wills trotzdem ansprechen. Manchmal verstehe ich unsere evangelische Kirche nicht mehr. Moderne Unternehmensführung mit Hilfe von Zielvereinbarungen, Strukturveränderungen, neuem kirchlichen Finanzwesen, der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Zeitmanagement, Evaluierung, Personalplanungskonzepte, Datenschutz, Sicherheitsbeauftragung, …all das hat ein derartiges Gewicht bekommen, dass die Arbeit vor Ort fast nachrangig zu sein scheint. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn wir nach Möglichkeiten suchen, wie wir unserem Auftrag unter veränderten Bedingungen gerecht werden können. Nur dürfen wir dabei nicht auf ein Religionsbeamtentum hinsteuern, dass dem Hirten mehr Aufmerksamkeit widmet als der ihm anvertrauten Herde. Manchmal habe ich das Gefühl, dass uns unter Beachtung der vielen Verordnungen, Vorschriften, Gremien, Richtlinien, Ausführungsbestimmungen und anderem die Luft ausgeht und die Zeit fürs Wesentliche fehlt. Dann tut es gut, sich daran zu erinnern, dass die Kirche von anderem lebt. Der versprochene Tröster, der Geist der Wahrheit, lässt sich nicht dirigieren oder kanalisieren. Er weht, wo er will. Aber nur dort und nur dann und nur davon lebt Kirche. Daran darf an ihrem Geburtstag erinnert werden. Amen

Mein Predigttext für den heutigen

Pfingstsonntag steht bei Johannes im

16. Kapitel seines Evangeliums. Ich

lese die Verse 5-15:

„Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden. Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben; über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist. Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er's nehmen und euch verkündigen. Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird's von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.“ Liebe Gemeinde, Johannes schlägt andere Töne an als die Apostelgeschichte mit ihrem Bericht über das erste Pfingstfest. Keine Rede von einer Begeisterung, die mit Feuer und Flamme ins Bild gesetzt wird. Kein Wort über das Brausen von oben, diesen himmlischen Sturmwind, der alle Angst, Verzagtheit und Kleinmut wegfegt. Keine Notiz über das Wunder einer Sprache, die alle Welt versteht und Außenstehende nur mit dem Hinweis erklären können: die haben die Hacken voll. (woraus zu entnehmen ist, dass Alkohol auch in jenen Tagen schon als Kommunikationsmittel galt, das keine Grenzen kennt) Kein Hinweis darauf, wie aus trostlosen Jünger hinter verschlossenen Türen entschlossene, auskunftsfreudige Zeugen werden, die das Evangelium fortan in alle Welt tragen. Kein Grund, happy birthday zu singen, wie denn auch, bei einer Abschiedsrede. Letzte Worte Jesu, nicht vor und nichts für die Öffentlichkeit, sondern an den exklusiven Kreis der Jüngerinnen und Jünger gerichtet. Bald werden sie ohne seine körperliche Nähe, seine leibhafte Präsenz leben müssen. Über die Umstände seines Weggangs: kein Wort. Schon die Ankündigung, bald nicht mehr da zu sein, reicht, um die Jünger in tiefe Trauer zu stürzen. Eine Trauer um Jesus? Niemand fragt nach, wohin sein Weg führt. Also wohl eher eine Trauer über die anstehende Trennung und den damit verbundenen Verlust weiterer gemeinsamer Zeit. Die Furcht vorm Alleinsein, die Ungewissheit, wie es weiter gehen soll. Jesus kennt seine Leute, kennt ihre Schwächen und Ängste. Statt Trost und Beistand einzufordern angesichts dessen, was ihm droht, nimmt er sich seiner verunsicherten, traurigen, ratlosen Gefährten an. Verspricht, dass sein Weggang nicht das Ende ist, dass es weiter geht, anders als bisher, und doch weiter. Leibhafte Gegenwart ist gebunden an die Bedingungen irdischer Existenz. Du kannst zur selben Zeit immer nur an einem Punkt sein. Der kommende Tröster, den Jesus ankündigt, unterliegt diesen Bedingungen nicht mehr. Der Geist der Wahrheit kann überall die Herzen erreichen, erfüllen und bewegen. Der Himmel geht über allen auf, auf alle über, über allen auf. Johannes erinnert sich nach Jahrzehnten daran. Gemeinden sind inzwischen entstanden, aber der neue Glaube wird bekämpft, die Wiederkunft Christi lässt auf sich warten, fast alle Zeugen aus der ersten Reihe sind tot. Nicht nur Druck von außen macht der jungen Kirche zu schaffen, sondern auch Verunsicherung, Zweifel und Mutlosigkeit in den eigenen Reihen. Für diese Menschen schreibt Johannes das Evangelium auf, noch einmal und in einer ganz besonderen Weise. Erinnert sich und andere, tröstet: Es ist kein Zufall, dass die Welt so reagiert, wie wir es augenblicklich erleben. Der Herr hat uns schon damals darauf vorbereitet. Hat scharf getrennt, eine Linie gezogen zwischen uns und denen draußen, hat vom Hass der Welt gesprochen, der uns ebenso gelten werde wie ihm selbst. Und dass die Welt in Unkenntnis begriffen sei, was den anginge, der ihn sandte. Und von dem Tröster gesprochen, der kommen werde, um der Welt die Augen zu öffnen und seine Jünger in die Wahrheit zu leiten. Und dann hat er gesagt: „In der Welt habt Ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“
© Ev. Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden 2018

Mein Predigttext für den heutigen

Pfingstsonntag steht bei Johannes im

16. Kapitel seines Evangeliums. Ich lese

die Verse 5-15:

„Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin? Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden. Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben; über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht; über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist. Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er's nehmen und euch verkündigen. Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird's von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.“ Liebe Gemeinde, Johannes schlägt andere Töne an als die Apostelgeschichte mit ihrem Bericht über das erste Pfingstfest. Keine Rede von einer Begeisterung, die mit Feuer und Flamme ins Bild gesetzt wird. Kein Wort über das Brausen von oben, diesen himmlischen Sturmwind, der alle Angst, Verzagtheit und Kleinmut wegfegt. Keine Notiz über das Wunder einer Sprache, die alle Welt versteht und Außenstehende nur mit dem Hinweis erklären können: die haben die Hacken voll. (woraus zu entnehmen ist, dass Alkohol auch in jenen Tagen schon als Kommunikationsmittel galt, das keine Grenzen kennt) Kein Hinweis darauf, wie aus trostlosen Jünger hinter verschlossenen Türen entschlossene, auskunftsfreudige Zeugen werden, die das Evangelium fortan in alle Welt tragen. Kein Grund, happy birthday zu singen, wie denn auch, bei einer Abschiedsrede. Letzte Worte Jesu, nicht vor und nichts für die Öffentlichkeit, sondern an den exklusiven Kreis der Jüngerinnen und Jünger gerichtet. Bald werden sie ohne seine körperliche Nähe, seine leibhafte Präsenz leben müssen. Über die Umstände seines Weggangs: kein Wort. Schon die Ankündigung, bald nicht mehr da zu sein, reicht, um die Jünger in tiefe Trauer zu stürzen. Eine Trauer um Jesus? Niemand fragt nach, wohin sein Weg führt. Also wohl eher eine Trauer über die anstehende Trennung und den damit verbundenen Verlust weiterer gemeinsamer Zeit. Die Furcht vorm Alleinsein, die Ungewissheit, wie es weiter gehen soll. Jesus kennt seine Leute, kennt ihre Schwächen und Ängste. Statt Trost und Beistand einzufordern angesichts dessen, was ihm droht, nimmt er sich seiner verunsicherten, traurigen, ratlosen Gefährten an. Verspricht, dass sein Weggang nicht das Ende ist, dass es weiter geht, anders als bisher, und doch weiter. Leibhafte Gegenwart ist gebunden an die Bedingungen irdischer Existenz. Du kannst zur selben Zeit immer nur an einem Punkt sein. Der kommende Tröster, den Jesus ankündigt, unterliegt diesen Bedingungen nicht mehr. Der Geist der Wahrheit kann überall die Herzen erreichen, erfüllen und bewegen. Der Himmel geht über allen auf, auf alle über, über allen auf. Johannes erinnert sich nach Jahrzehnten daran. Gemeinden sind inzwischen entstanden, aber der neue Glaube wird bekämpft, die Wiederkunft Christi lässt auf sich warten, fast alle Zeugen aus der ersten Reihe sind tot. Nicht nur Druck von außen macht der jungen Kirche zu schaffen, sondern auch Verunsicherung, Zweifel und Mutlosigkeit in den eigenen Reihen. Für diese Menschen schreibt Johannes das Evangelium auf, noch einmal und in einer ganz besonderen Weise. Erinnert sich und andere, tröstet: Es ist kein Zufall, dass die Welt so reagiert, wie wir es augenblicklich erleben. Der Herr hat uns schon damals darauf vorbereitet. Hat scharf getrennt, eine Linie gezogen zwischen uns und denen draußen, hat vom Hass der Welt gesprochen, der uns ebenso gelten werde wie ihm selbst. Und dass die Welt in Unkenntnis begriffen sei, was den anginge, der ihn sandte. Und von dem Tröster gesprochen, der kommen werde, um der Welt die Augen zu öffnen und seine Jünger in die Wahrheit zu leiten. Und dann hat er gesagt: „In der Welt habt Ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“ Liebe Gemeinde, lang, lang ist‘s her. Hat Johannes uns Heutigen noch was zu sagen? In Voerde, in Walsum, im ganzen Kirchenkreis? Die strenge Trennung, das klare Gegenüber, der tiefe Graben zwischen Welt und Gemeinde, wie verträgt sich das mit dem Missionsbefehl, wie mit der Übernahme von Verantwortung für eben diese Welt, wie mit allem Engagement und vielen den freundlichen Versuchen, eine Kirche mit offenen Türen und einladenden Gemeinden zu sein? Jesus redet im Johannesevangelium von einem Geist, der nicht beflügelt, fasziniert, in selige Ekstasen führt und Menschen wunderbare Werke tun lässt. Sondern von einem, der der Welt die Augen öffnen wird über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht. Das klingt nicht gerade kirchentagsaffin, wo wir uns bunt und fröhlich-friedlich präsentieren, verständnisvoll und freundlich gegenüber jedermann und jederfrau. Und es entspricht nicht unbedingt dem guten Verhältnis zwischen Kirchen- und Bürgergemeinde hier in Voerde, in dem Christen weder Feindschaft noch Verfolgung ausgesetzt sind wie anderswo auf dem Erdball, und niemand um sein Leben fürchten muss, wenn er die Sache Jesu auf seine Fahnen schreibt. Lang, lang ists her. Also doch lieber bis zum Lukas weiter blättern und uns am pfingstlichen Jerusalem erfreuen? Ich widersteh der Versuchung und lege Euch diesen Text ans Herz. Wenn Jesus dieses deutliche Gegenüber von Welt und Jüngerschaft herausstreicht, dann tut er das ganz sicher nicht, um sich aus der Verantwortung für den Nächsten zu stehlen. Oder einer Kirche das Wort zu reden, die sich hinter dicken Mauern versteckt und im Schatten des eigenen Kirchturms gemütlich einrichtet. Seine Abschiedsworte sind kein Plädoyer für einen Rückzug aus der Welt. Weltfremdheit in Jesu Sprachgebrauch steht weder für eine Sichtweise von gestern noch eine sektiererische Verweigerungshaltung. Seine Abgrenzung zu einer Welt, die ihn nicht versteht und ihm nicht folgt, stellt uns die Frage, wem wir im Leben und Sterben zu gehorchen haben, wem vertraut werden kann und wem unsere Liebe gehört. In summa: wo gehörst Du hin, auf welcher Seite stehst Du? Die Antwort lautet schlicht und einfach: Leben und Seligkeit hängen nicht an dem, was Dir die Welt bietet. Ihr Urteil entscheidet nicht über Deinen Wert und Deine Würde. Und der Besitz ihrer Schätze garantiert nicht das Glück. Wir sind Gast auf Erden. Ein Gast auf Zeit. Alles auf ihr hat seine Zeit hat, ist begrenzt und endlich ist, der Vergänglichkeit und damit einem permanenten Wandel unterworfen. Wo nichts bleibt, wie es ist, ist wenig, was Bleibe bietet. Jesus redet Klartext: seine Heimat ist woanders, sein Reich ist nicht von dieser Welt. Wir sollten uns gelegentlich daran erinnern lassen, dass das griechische Wort für Kirche –ecclesia- die Gemeinschaft der Herausgerufenen bezeichnet. Und dass es fatal ist, die Unterschiede zwischen Vorläufigem und Endgültigem, Irdischem und Himmlischem, zwischen Vorletztem und Letztem zu verwischen. In diesem Sinn wünsche ich mir und uns allen Mut zur Weltfremdheit, zur deutlichen Ansage: das wars‘ noch nicht. Wünsche ich, weil erst diese Distanz uns den Rücken frei hält und die Hände stärkt, das Not-Wendende zu tun. Ebenso wenig, wie es damit gedient ist, sich angewidert von der Welt abzuwenden, ist ihr geholfen, wenn wir uns mit ihr bis zur Unkenntlichkeit gemein machen. Vielleicht liegts ja daran, dass ich alt werde. Aber ich wills trotzdem ansprechen. Manchmal verstehe ich unsere evangelische Kirche nicht mehr. Moderne Unternehmensführung mit Hilfe von Zielvereinbarungen, Strukturveränderungen, neuem kirchlichen Finanzwesen, der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Zeitmanagement, Evaluierung, Personalplanungskonzepte, Datenschutz, Sicherheitsbeauftragung, …all das hat ein derartiges Gewicht bekommen, dass die Arbeit vor Ort fast nachrangig zu sein scheint. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn wir nach Möglichkeiten suchen, wie wir unserem Auftrag unter veränderten Bedingungen gerecht werden können. Nur dürfen wir dabei nicht auf ein Religionsbeamtentum hinsteuern, dass dem Hirten mehr Aufmerksamkeit widmet als der ihm anvertrauten Herde. Manchmal habe ich das Gefühl, dass uns unter Beachtung der vielen Verordnungen, Vorschriften, Gremien, Richtlinien, Ausführungsbestimmungen und anderem die Luft ausgeht und die Zeit fürs Wesentliche fehlt. Dann tut es gut, sich daran zu erinnern, dass die Kirche von anderem lebt. Der versprochene Tröster, der Geist der Wahrheit, lässt sich nicht dirigieren oder kanalisieren. Er weht, wo er will. Aber nur dort und nur dann und nur davon lebt Kirche. Daran darf an ihrem Geburtstag erinnert werden. Amen
Ev. Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden