Evangelische Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden © Evangelische Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden 2020
mit Nägeln, Nadeln oder Grillspießen?“ „Alles abgeschafft, geht auch ohne, glauben Sies mir.“ Und jetzt geben Sie mir bitte zwei Ohrfeigen!“ Giovanni riss den Mund so weit auf, dass eine ganze Torte reingepasst hätte. „Bloß nicht. Sie haben doch nichts verbrochen. Wenn schon Strafe, dann für mich. Ich greif doch keinen Beamten an!“ Aber der Polizist antwortete mit freundlicher Geduld: „Hier ist es eben so Brauch. Die volle Strafe fürs Rosenpflücken besteht aus eigentlich aus vier Ohrfeigen, aber Sie wussten‘s ja nicht besser. Also zwei!“ „Aber das ist doch ungerecht, ist doch entsetzlich!“ „Sicher ist es das“, sagte der Polizist. „Es ist so abscheulich, dass sich die Leute schwer hüten, Gesetze zu übertreten, um ja nicht einem Unschuldigen ins Gesicht schlagen zu müssen. Also los, krieg ich jetzt die Ohrfeigen oder nicht?“ „Nicht mal einen Nasenstüber, geschweige denn eins um die Ohren. Einen ausgeben müsste ich Ihnen und mich bedanken.“ „Wenn das so ist“ entgegnete der Ordnungshüter, „dann muss ich Sie sofort zur Grenze bringen und ausweisen. Gesetz ist Gesetz.“ Und Giovanni musste äußerst beschämt das Land verlassen. Bis heute träumt er manchmal davon, dorthin zurückzukehren und glücklich und zufrieden in einem Häuschen ohne Dach zu leben. Ihr Lieben, im Land ohne Ecken und Kanten ticken die Uhren anders. Da wird nicht der Bösewicht bestraft, sondern der Ordnungshüter. Die Strafe soll abschrecken, aber nicht dadurch, dass dem Täter Unheil droht, sondern einem Unschuldigen. Das funktioniert aber nur, wenn sich alle einig sind, dass durch mich kein Anderer zu Schaden kommen darf. „Es ist so abscheulich, dass sich die Leute hüten, die Gesetze zu übertreten, um ja keinem Anderen ins Gesicht schlagen zu müssen“. Ein Märchen, ja sicher, aber nicht nur für Kinderohren bestimmt. „Was wäre, wenn…“ So lässt sich weiter träumen. Was wäre, wenn die Grundlage allgemeiner Rechtssprechung sich am Wohl der Anderen orientieren würde und die Menschen von sich aus, quasi aus vollem Herzen, das befolgen würden? Ich finde, dieses Land ohne Ecken atmet etwas von der Gottesverheißung eines Gesetzes, das auf unser Herz gelegt und in unseren Sinn geschrieben wird. Es geht ja darum, alles zu verhindern, was Unschuldigen Leid antut. Das ist der Maßstab allen Handelns im Land ohne Ecken und Spitzen. Zu schön, um wahr zu sein? Dann blickt auf einen anderen Sohn des Hauses Israels. Auf den, der 500 Jahre nach Jeremia gelebt hat. Auf Jesus. Der hatte scharfe Kritik an der Gesetzesfrömmigkeit der Pharisäer geübt und sie Heuchelei genannt. Das hatte ihm den Vorwurf eingebracht, sich über das Gesetz Gottes zu stellen und es in seiner Geltung zu bestreiten. In der Bergpredigt sagt Jesus dazu: Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern um das Gesetz und die Propheten zu erfüllen. Wie hat er das gemeint? Ich glaube, er hat weniger auf den Buchstaben und mehr auf den Geist des Gesetzes geguckt. Er hat die Welt mit Gottes Augen gesehen und dadurch das Gesetz so ausgelegt, wie es von Gott gemeint ist. Es ist nicht dazu da, dass Du Dich durch peinliche Befolgung von Buchstaben um Buchstaben selbst reinwäschst. Es geht nicht um Deine Gerechtigkeit, sondern um das Wohl Deiner Mitmenschen, um ihr Glück, ihre Sicherheit, ihren Frieden. Du kannst das Feiertagsgebot minutiös befolgen und dennoch seinen Sinn verfehlen, wenn Du es dazu benutzt, Dich von Anderen zu unterscheiden und auf sie herabzusehen. Das Spielchen hat Jesus nie gespielt. Er hat das Gesetz so ausgelegt, wie Gott es verstand und dadurch erfüllt. Erfüllt hat er es auch durch seinen Gehorsam. Es gibt diesen einen Satz, der das zutreffender als alle anderen beschreibt: nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Gesetzeserfüllung in diesem Sinn ist Einwilligung und Selbstaufgabe. Nun werdet Ihr sagen: aber ich bin doch nicht Jesus, sondern jemand mit Macken und Fehlern, ein schwacher Mensch. Ich kann nicht das Gesetz Gottes nicht so erfüllen wie er. Das stimmt. Aber Du kannst Jesus nachfolgen, gewissermaßen in seine Fußstapfen treten. Und das hat damit zu tun, dass Jesus nicht nur das Gesetz erfüllte, also gehorsam tat, was Gott wollte. Sondern dass er selbst die Erfüllung von Gottes Verheißung war. Der neue Bund, den Jeremia ankündigt, ist durch ihn und in ihm Wirklichkeit geworden. Sein Gehorsam, sein Geist, sein Blick auf die Welt mit Gottes Augen dient uns zum Heil und Frieden. Wir sind nicht Jesus, sicher nicht. Aber Gott hat uns seinen Geist ins Herz gelegt. In einer Woche feiern wir Pfingsten, den Geburtstag der Kirche. Alles begann damit, dass Gottes Geist die Herzen der Jünger erfüllte und in diesem Geist Christus mitten unter ihnen war. Später hat Paulus die Möglichkeiten, die Gottes Geist im Menschen schafft, so beschrieben: Seid niemand etwas schuldig, außer dass ihr einander liebt; denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die Gebote, Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen, du sollst nicht begehren und welches andere Gebot es noch gibt, werden zusammengefasst in diesem Wort: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses.- So ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. (Röm. 13,8). Amen

Gnade sei mit euch und Frieden von

Gott, unserem Vater, und dem Herrn

Jesus Christus

Ich lese den heutigen Predigttext aus Jeremia 31: Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken. Uralte Worte, vor 2500 Jahren gesprochen. Eine Botschaft, die der Prophet Jeremia im Auftrag Gottes ausrichten musste. Sie galt seinem Volk, dem Haus Israel. Eine Katastrophe war im Anmarsch, der gegenüber Corona ein laues Lüftchen ist. Bald schon wird Babylon das Land dem Erdboden gleich machen, den Tempel zerstören und Teile des Volkes ins ferne Exil führen. Oft genug hatte der Prophet gewarnt, hatte mit eindringlichen Worten und drastischen Bildern zur Umkehr gerufen, hatte die kommende Katastrophe als Strafgericht Gottes angekündigt. Und nichts hatte sich verändert. Taube Ohren, verstockte Herzen, uneinsichtiges Verhalten. Und jetzt war es zu spät. Das Unheil nahm seinen Lauf, war nicht mehr aufzuhalten. Schreckliche Tage standen bevor. Und dann diese Sätze! Trostworte, die von einem Neuanfang sprechen, von einer Zeit, in der alles anders wird und Israel mit seinem Gott wieder im Reinen ist. Liebe Gemeinde, Auf den ersten Blick hat das mit uns wenig zu tun. Eine andere Zeit, ein anderes Land, eine andere Bedrohung. Auf den ersten Blick nichts, was in diesen eigenartigen Tagen aufbauen und im Umgang mit Corona helfen könnte. Die Seuche lässt sich nicht als Strafgericht Gottes instrumentalisieren, sie trifft arm und reich, Fromme wie Ungläubige, macht an Landesgrenzen nicht Halt und zieht als riesiger Flächenbrand um den Erdball. Alle sind betroffen, alle haben mit denselben Problemen zu kämpfen. Die Welt sitzt in einem Boot, teilt dasselbe Schicksal. Wenn daraus die Erkenntnis wachsen würde, dass es nur miteinander und nicht ohne einander, geschweige denn gegeneinander geht, hätte das Virus auch etwas Gutes an sich. Wir werden sehen. Aber zurück zum Predigttext. Wer genauer hinguckt, entdeckt trotz des garstigen Grabens von 2500 Jahren und der Distanz zwischen Walsum und dem Heiligen Land, worüber nachzudenken lohnt. Ich nenne die beiden Stichworte Bund und Gesetz. Nach der Katastrophe verspricht Jeremia seinem Volk im Namen Gottes einen neuen Bund. „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.“ Liebe Gemeinde, Ein Gesetz, das zu Herzen geht und all meinen Sinnen eingeschrieben ist. Ein Gesetz, das tief in meinem Inneren verankert ist, das ich buchstäblich einverleibt bekomme. Nichts Äußerliches, Fremdbestimmtes, sondern mir in Fleisch und Blut übergegangen. Was für eine Verheißung. Ein Gesetz, das mehr ist als ein in Kauf zu nehmendes Übel, das einschränkt, um Schaden abzuwenden, mehr als ein Erlass, der eine allgemein gültige Grenze zwischen Verbotenem und Erlaubten zieht und unter Androhung von Strafe und Gewalt für Ordnung sorgt, mehr als ein Rechtstext, der Regeln schafft, um das Gemeinwesen vor Chaos und Anarchie zu schützen! Eine Herzensangelegenheit, die Gesetzeshüter in Justiz und Polizei überflüssig macht! Ein Sinneswandel, der weder durch Buße noch Strafe erzwungen wird! Eine atemberaubende Vision, die unser auf den Kopf stellt. Aber wird sie je Realität? Oder bleiben die Worte ein schöner Traum wie im Märchen vom Land ohne Ecken? Ihr kennt die Geschichte nicht? Ich will sie erzählen. Giovanni Tagdieb war ein großer Reisender. Einmal kam er in ein Land, in dem die Hausecken rund waren, und die Dächer statt eines spitzen Giebels einen runden Buckel. Eine Rosenhecke zog sich die Straße entlang. Und als Giovanni sich vorsichtig eine Blüte fürs Knopfloch abpflücken wollte, sah er, dass die Dornen keine Spitzen hatten, sondern biegsam wie Gummi waren. Als er sich darüber noch kopfschüttelnd wunderte, tauchte hinter der Hecke ein freundlicher Ordnungshüter auf. „Wissen Sie nicht, dass man hier keine Rosen pflücken darf?“ „Tut mir leid“ stotterte Giovanni, „das wusste ich leider nicht.“ „Dann kostet Sie das nur die halbe Strafe“ meinte der Polizist und stellte einen Strafzettel aus. Der Kuli hatte keine Spitze und auch die Kanten der Uniform waren alle geschwungen. „Was ist das für ein merkwürdiges Land?“ staunte Giovanni. „Wir nennen es das Land ohne Ecken und Spitzen“ kam prompt die Antwort. „Und was ist
© Ev. Kirchengemeinde Walsum-Vierlinden 2018

Gnade sei mit euch und Frieden von

Gott, unserem Vater, und dem Herrn

Jesus Christus

Ich lese den heutigen Predigttext aus Jeremia 31: Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken. Uralte Worte, vor 2500 Jahren gesprochen. Eine Botschaft, die der Prophet Jeremia im Auftrag Gottes ausrichten musste. Sie galt seinem Volk, dem Haus Israel. Eine Katastrophe war im Anmarsch, der gegenüber Corona ein laues Lüftchen ist. Bald schon wird Babylon das Land dem Erdboden gleich machen, den Tempel zerstören und Teile des Volkes ins ferne Exil führen. Oft genug hatte der Prophet gewarnt, hatte mit eindringlichen Worten und drastischen Bildern zur Umkehr gerufen, hatte die kommende Katastrophe als Strafgericht Gottes angekündigt. Und nichts hatte sich verändert. Taube Ohren, verstockte Herzen, uneinsichtiges Verhalten. Und jetzt war es zu spät. Das Unheil nahm seinen Lauf, war nicht mehr aufzuhalten. Schreckliche Tage standen bevor. Und dann diese Sätze! Trostworte, die von einem Neuanfang sprechen, von einer Zeit, in der alles anders wird und Israel mit seinem Gott wieder im Reinen ist. Liebe Gemeinde, Auf den ersten Blick hat das mit uns wenig zu tun. Eine andere Zeit, ein anderes Land, eine andere Bedrohung. Auf den ersten Blick nichts, was in diesen eigenartigen Tagen aufbauen und im Umgang mit Corona helfen könnte. Die Seuche lässt sich nicht als Strafgericht Gottes instrumentalisieren, sie trifft arm und reich, Fromme wie Ungläubige, macht an Landesgrenzen nicht Halt und zieht als riesiger Flächenbrand um den Erdball. Alle sind betroffen, alle haben mit denselben Problemen zu kämpfen. Die Welt sitzt in einem Boot, teilt dasselbe Schicksal. Wenn daraus die Erkenntnis wachsen würde, dass es nur miteinander und nicht ohne einander, geschweige denn gegeneinander geht, hätte das Virus auch etwas Gutes an sich. Wir werden sehen. Aber zurück zum Predigttext. Wer genauer hinguckt, entdeckt trotz des garstigen Grabens von 2500 Jahren und der Distanz zwischen Walsum und dem Heiligen Land, worüber nachzudenken lohnt. Ich nenne die beiden Stichworte Bund und Gesetz. Nach der Katastrophe verspricht Jeremia seinem Volk im Namen Gottes einen neuen Bund. „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.“ Liebe Gemeinde, Ein Gesetz, das zu Herzen geht und all meinen Sinnen eingeschrieben ist. Ein Gesetz, das tief in meinem Inneren verankert ist, das ich buchstäblich einverleibt bekomme. Nichts Äußerliches, Fremdbestimmtes, sondern mir in Fleisch und Blut übergegangen. Was für eine Verheißung. Ein Gesetz, das mehr ist als ein in Kauf zu nehmendes Übel, das einschränkt, um Schaden abzuwenden, mehr als ein Erlass, der eine allgemein gültige Grenze zwischen Verbotenem und Erlaubten zieht und unter Androhung von Strafe und Gewalt für Ordnung sorgt, mehr als ein Rechtstext, der Regeln schafft, um das Gemeinwesen vor Chaos und Anarchie zu schützen! Eine Herzensangelegenheit, die Gesetzeshüter in Justiz und Polizei überflüssig macht! Ein Sinneswandel, der weder durch Buße noch Strafe erzwungen wird! Eine atemberaubende Vision, die unser auf den Kopf stellt. Aber wird sie je Realität? Oder bleiben die Worte ein schöner Traum wie im Märchen vom Land ohne Ecken? Ihr kennt die Geschichte nicht? Ich will sie erzählen. Giovanni Tagdieb war ein großer Reisender. Einmal kam er in ein Land, in dem die Hausecken rund waren, und die Dächer statt eines spitzen Giebels einen runden Buckel. Eine Rosenhecke zog sich die Straße entlang. Und als Giovanni sich vorsichtig eine Blüte fürs Knopfloch abpflücken wollte, sah er, dass die Dornen keine Spitzen hatten, sondern biegsam wie Gummi waren. Als er sich darüber noch kopfschüttelnd wunderte, tauchte hinter der Hecke ein freundlicher Ordnungshüter auf. „Wissen Sie nicht, dass man hier keine Rosen pflücken darf?“ „Tut mir leid“ stotterte Giovanni, „das wusste ich leider nicht.“ „Dann kostet Sie das nur die halbe Strafe“ meinte der Polizist und stellte einen Strafzettel aus. Der Kuli hatte keine Spitze und auch die Kanten der Uniform waren alle geschwungen. „Was ist das für ein merkwürdiges Land?“ staunte Giovanni. „Wir nennen es das Land ohne Ecken und Spitzen“ kam prompt die Antwort. „Und was ist mit Nägeln, Nadeln oder Grillspießen?“ „Alles abgeschafft, geht auch ohne, glauben Sies mir.“ Und jetzt geben Sie mir bitte zwei Ohrfeigen!“ Giovanni riss den Mund so weit auf, dass eine ganze Torte reingepasst hätte. „Bloß nicht. Sie haben doch nichts verbrochen. Wenn schon Strafe, dann für mich. Ich greif doch keinen Beamten an!“ Aber der Polizist antwortete mit freundlicher Geduld: „Hier ist es eben so Brauch. Die volle Strafe fürs Rosenpflücken besteht aus eigentlich aus vier Ohrfeigen, aber Sie wussten‘s ja nicht besser. Also zwei!“ „Aber das ist doch ungerecht, ist doch entsetzlich!“ „Sicher ist es das“, sagte der Polizist. „Es ist so abscheulich, dass sich die Leute schwer hüten, Gesetze zu übertreten, um ja nicht einem Unschuldigen ins Gesicht schlagen zu müssen. Also los, krieg ich jetzt die Ohrfeigen oder nicht?“ „Nicht mal einen Nasenstüber, geschweige denn eins um die Ohren. Einen ausgeben müsste ich Ihnen und mich bedanken.“ „Wenn das so ist“ entgegnete der Ordnungshüter, „dann muss ich Sie sofort zur Grenze bringen und ausweisen. Gesetz ist Gesetz.“ Und Giovanni musste äußerst beschämt das Land verlassen. Bis heute träumt er manchmal davon, dorthin zurückzukehren und glücklich und zufrieden in einem Häuschen ohne Dach zu leben. Ihr Lieben, im Land ohne Ecken und Kanten ticken die Uhren anders. Da wird nicht der Bösewicht bestraft, sondern der Ordnungshüter. Die Strafe soll abschrecken, aber nicht dadurch, dass dem Täter Unheil droht, sondern einem Unschuldigen. Das funktioniert aber nur, wenn sich alle einig sind, dass durch mich kein Anderer zu Schaden kommen darf. „Es ist so abscheulich, dass sich die Leute hüten, die Gesetze zu übertreten, um ja keinem Anderen ins Gesicht schlagen zu müssen“. Ein Märchen, ja sicher, aber nicht nur für Kinderohren bestimmt. „Was wäre, wenn…“ So lässt sich weiter träumen. Was wäre, wenn die Grundlage allgemeiner Rechtssprechung sich am Wohl der Anderen orientieren würde und die Menschen von sich aus, quasi aus vollem Herzen, das befolgen würden? Ich finde, dieses Land ohne Ecken atmet etwas von der Gottesverheißung eines Gesetzes, das auf unser Herz gelegt und in unseren Sinn geschrieben wird. Es geht ja darum, alles zu verhindern, was Unschuldigen Leid antut. Das ist der Maßstab allen Handelns im Land ohne Ecken und Spitzen. Zu schön, um wahr zu sein? Dann blickt auf einen anderen Sohn des Hauses Israels. Auf den, der 500 Jahre nach Jeremia gelebt hat. Auf Jesus. Der hatte scharfe Kritik an der Gesetzesfrömmigkeit der Pharisäer geübt und sie Heuchelei genannt. Das hatte ihm den Vorwurf eingebracht, sich über das Gesetz Gottes zu stellen und es in seiner Geltung zu bestreiten. In der Bergpredigt sagt Jesus dazu: Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern um das Gesetz und die Propheten zu erfüllen. Wie hat er das gemeint? Ich glaube, er hat weniger auf den Buchstaben und mehr auf den Geist des Gesetzes geguckt. Er hat die Welt mit Gottes Augen gesehen und dadurch das Gesetz so ausgelegt, wie es von Gott gemeint ist. Es ist nicht dazu da, dass Du Dich durch peinliche Befolgung von Buchstaben um Buchstaben selbst reinwäschst. Es geht nicht um Deine Gerechtigkeit, sondern um das Wohl Deiner Mitmenschen, um ihr Glück, ihre Sicherheit, ihren Frieden. Du kannst das Feiertagsgebot minutiös befolgen und dennoch seinen Sinn verfehlen, wenn Du es dazu benutzt, Dich von Anderen zu unterscheiden und auf sie herabzusehen. Das Spielchen hat Jesus nie gespielt. Er hat das Gesetz so ausgelegt, wie Gott es verstand und dadurch erfüllt. Erfüllt hat er es auch durch seinen Gehorsam. Es gibt diesen einen Satz, der das zutreffender als alle anderen beschreibt: nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Gesetzeserfüllung in diesem Sinn ist Einwilligung und Selbstaufgabe. Nun werdet Ihr sagen: aber ich bin doch nicht Jesus, sondern jemand mit Macken und Fehlern, ein schwacher Mensch. Ich kann nicht das Gesetz Gottes nicht so erfüllen wie er. Das stimmt. Aber Du kannst Jesus nachfolgen, gewissermaßen in seine Fußstapfen treten. Und das hat damit zu tun, dass Jesus nicht nur das Gesetz erfüllte, also gehorsam tat, was Gott wollte. Sondern dass er selbst die Erfüllung von Gottes Verheißung war. Der neue Bund, den Jeremia ankündigt, ist durch ihn und in ihm Wirklichkeit geworden. Sein Gehorsam, sein Geist, sein Blick auf die Welt mit Gottes Augen dient uns zum Heil und Frieden. Wir sind nicht Jesus, sicher nicht. Aber Gott hat uns seinen Geist ins Herz gelegt. In einer Woche feiern wir Pfingsten, den Geburtstag der Kirche. Alles begann damit, dass Gottes Geist die Herzen der Jünger erfüllte und in diesem Geist Christus mitten unter ihnen war. Später hat Paulus die Möglichkeiten, die Gottes Geist im Menschen schafft, so beschrieben: Seid niemand etwas schuldig, außer dass ihr einander liebt; denn wer den anderen liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die Gebote, Du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen, du sollst nicht begehren und welches andere Gebot es noch gibt, werden zusammengefasst in diesem Wort: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses.- So ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes. (Röm. 13,8). Amen
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